{"id":1079,"date":"1986-09-20T10:16:53","date_gmt":"1986-09-20T08:16:53","guid":{"rendered":"https:\/\/friebeismus.delphin-consult.eu\/?p=1079"},"modified":"2020-11-04T09:10:40","modified_gmt":"2020-11-04T08:10:40","slug":"vortrag-politik-ist-ohne-technologie-nicht-moeglich-der-vortrag-technologie-schluessel-zur-zukunft-von-klaus-p-friebe-1986-in-oberhausen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/delphin-consult.de\/friebeismus\/vortrag-politik-ist-ohne-technologie-nicht-moeglich-der-vortrag-technologie-schluessel-zur-zukunft-von-klaus-p-friebe-1986-in-oberhausen\/","title":{"rendered":"Vortrag: Politik ist ohne Technologie nicht m\u00f6glich &#8211; Der Vortrag &#8222;Technologie &#8211; Schl\u00fcssel zur Zukunft&#8220; von Klaus P. Friebe, 1986 in Oberhausen"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Lesen Sie den&nbsp;Vortrag &#8222;Technologie &#8211; Schl\u00fcssel zur Zukunft&#8220; von Klaus P. Friebe, damaliger Leiter des VDI-Technologiezentrums Berlin, vom&nbsp;20. September&nbsp;1986 in Oberhausen. Friebe erkannte bereits in den 80er Jahren, in welchem Ausma\u00df&nbsp;die technologischen&nbsp;Umw\u00e4lzungen sich auf Wirtschaft, Politik und Gesellschaft auswirken. Ein leidenschaftliches und zugleich analytisches&nbsp;Pl\u00e4doyer an die Politik, sich der Herausforderung des technologischen Wandels zu stellen und wichtige Weichenstellungen vorzunehmen.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zun\u00e4chst, Herr Hausmann, m\u00f6chte ich darauf eingehen, was uns trennt, was Politik und Technik unterscheidet. Ich denke, es sind grunds\u00e4tzlich zwei Dinge:<\/p>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\"><li>Der Zeithorizont des Technikers bei der Entwicklung von Technologien ist in Dimensionen von zehn, f\u00fcnfzehn, zwanzig Jahren zu sehen. Der Zeithorizont des Politikers bewegt sich, wie wir alle wissen, in Zeitr\u00e4umen von Wahlperioden.<\/li><li>Was uns auch trennt, ist die Basis, auf der Perspektiven entwickelt werden. Der Techniker ist gewohnt, rational zu denken. Er wird immer gemessen an seinen Ergebnissen, denn seine Ergebnisse sind nachpr\u00fcfbar. Der Politiker beruft sich meistens &#8211; verzeihen Sie, wenn ich so hart mit den Wirtschaftsprognosen umgehe &#8211; auf Prognosen, die oft ohne Ber\u00fccksichtigung der technischen Basis entstanden sind, und selten nachgepr\u00fcft werden.<\/li><\/ol>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dies sind die grunds\u00e4tzlichen Unterschiede, die uns trennen. Was verbindet uns? Uns verbindet die Einsicht, dass die Gestaltung der Zukunft nur \u00fcber die Technik m\u00f6glich ist. Dank dieser gemeinsamen Grundlage sind wir in der Bundesrepublik Deutschland &#8211; verglichen mit den umliegenden Staaten &#8211; einen wesentlichen Schritt weiter. Wir sollten dar\u00fcber froh sein, dass sich die politischen Parteien der Grundfrage stellen, welchen Einfluss die Technik auf unsere Wirtschaft und unsere Gesellschaftsordnung hat. Und diese Fragestellung ist ja auch, notwendig, wenn man sich einmal die Rolle der Technik im historischen Zeitma\u00df betrachtet.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Vereinfacht lassen sich drei, besser vier Phasen unterscheiden: Phase 1: In einer akuten Krisensituation wird die Dominanz der Technik gegen\u00fcber anderen Bereichen von niemanden in Frage gestellt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Phase 2: Im Anschluss an eine Krise wird der Wirtschaftspolitik Vorrang einger\u00e4umt. Dabei flie\u00dfen jedoch die w\u00e4hrend der Krise entwickelten neuen Techniken in das Wirtschaftsleben ein.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Erst in der Phase 3: &#8211; Phase der Konsolidierung &#8211; kommt eine gesellschaftspolitische Diskussion \u00fcber die Technik auf. Die haben wir mehr oder weniger \u00fcber uns hinweglaufen lassen. Um den Zeitbezug herzustellen: vor wenigen Jahren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zum heutigen Zeitpunkt befinden wir uns in einer 4. Phase. Die Bundesrepublik Deutschland ist ein ganz normaler Staat geworden. Jetzt m\u00fcssen wir uns darauf konzentrieren, der Technologie den Stellenwert zu geben, der notwendig ist, um gesellschafts- und wirtschaftspolitisch weiterzukommen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Meine These lautet daher: Wir k\u00f6nnen keine Gesellschaftspolitik betreiben ohne eine gesunde Wirtschaftspolitik und keine gesunde Wirtschaftspolitik ohne eine langfristige Technologiepolitik.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Was nun fehlt in der Bundesrepublik Deutschland, ist eine nationale Industriepolitik auf der Basis einer Technologiepolitik. Die haben wir nicht. Wir haben nur Teile davon. Aber wir haben keine nationale Politik, die unsere Basis f\u00fcr die Zukunft sichert. Das mag hart klingen, aber wir sollten von der technischen Seite her die Fragen klar ansprechen. Soweit ein paar Bemerkungen zu dem, wie ich die heutige politische Situation in der Bundesrepublik sehe.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Was ist nun unsere Aufgabe als Manager, als Techniker? Wir haben zwei Aufgaben zu erf\u00fcllen. Die eine hei\u00dft: Wir sollen st\u00e4ndig Strukturen ver\u00e4ndern &#8211; so muss man Technik verstehen. Andererseits m\u00fcssen wir Ordnung halten. Das ist ein Konflikt, den wir zu bew\u00e4ltigen haben, und ich glaube, wir tun es relativ gut. Dar\u00fcber hinaus m\u00fcssen wir uns, die wir in der Informationstechnik t\u00e4tig sind, klar abgrenzen von denen, die suggerieren, dass irgendwelche Daten, irgendwelche Zusammenh\u00e4nge, nur weil sie elektronisch zu verarbeiten sind, Weisheiten sind. Das ist ein Problem.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wenn wir zur\u00fcckblicken auf unsere Vergangenheit, dann hat nach Gehlen, dem Soziologen Gehlen, die Menschheit nur deshalb ihre Entwicklung genommen, weil sie gelernt hat, Substitutionsprozesse zu nutzen. Der erste Substitutionsprozess, der \u00fcber Millionen von Jahren lief, war die Substitution der Kraft. Wir sind f\u00e4hig, Kraft \u00fcber unsere K\u00f6rperkraft hinaus zu nutzen, zu potenzieren. Die zweite Periode war die der Substitution der Energie, und daraus ist die Industrie, ist die Wirtschaft entstanden. Nur durch die Substitution der Energie in der Kombination mit Kraft waren die Entwicklungen des 19. und des 20. Jahrhunderts m\u00f6glich. Was wir heute vorfinden, sind die Resultate dieser beiden Substitutionsprozesse. Heute befinden wir uns in einem dritten, n\u00e4mlich in einem Prozess der Substitution von Informationen und Intelligenz.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Hier sehe ich grundlegende Unterschiede zu den ersten beiden, denn f\u00fcr den Substitutionsprozess, den wir im Moment erleben, haben wir keine politische Antwort gefunden, geschweige denn eine wirtschaftliche. Die Ver\u00e4nderung, die gesellschaftspolitisch auf uns in den n\u00e4chsten Jahren zukommt, wird um Dimensionen gr\u00f6\u00dfer sein als das, was wir in den letzten Jahren erlebt haben, denn es hat sich etwas Grundlegendes in der Technik ver\u00e4ndert. Wir sind wirtschaftlich nicht mehr isoliert. Wir k\u00f6nnen keine nationalen Erbh\u00f6fe mehr bestellen. Wir m\u00fcssen uns dem internationalen Geschehen stellen, und da sind L\u00e4nder wie die USA und Japan und der gesamte asiatische Raum zu beachten. Wenn wir nicht Flexibilit\u00e4t gegen\u00fcber der Technik zeigen und zur Technik selbst keine positive Einstellung haben, bef\u00fcrchte ich, dass wir bei uns Barrieren aufbauen, die nicht mehr zu \u00fcberwinden sind. Wohin entwickelt sich die Technik insgesamt? In nur zwanzig Minuten dar\u00fcber zu reden, ist schwer, aber ich werde es versuchen. Ich will drei Thesen aufstellen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">These Nr. 1 hei\u00dft: Wirtschaftspolitik, Unternehmenspolitik, Gewerkschaftspolitik der 80iger und 90iger Jahre ist ohne eine effektive Technologiepolitik nicht m\u00f6glich.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">These Nr. 2: Will man eine effektive Technologiepolitik auf der Ebene des Unternehmens oder auf der Ebene des Staates betreiben, so muss man das Hauptaugenmerk auf die Qualifizierungsfrage richten. In der Bundesrepublik Deutschland sind wir davon weit, weit entfernt. Das staatlich-monopolistische Qualifizierungssystem der Bundesrepublik Deutschland hat nach meiner Ansicht versagt. Und da das monopolistische System versagt hat, m\u00fcssen die Betriebe, ob sie wollen oder nicht, betriebsorientiert qualifizieren. Das ist ein Kostenfaktor, der in der gleichen Gr\u00f6\u00dfenordnung wie Investitionen zu rechnen ist.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die These Nr. 3 in der Nutzung der Technologie hei\u00dft: Nimmt man das Qualifikationsargument ernst, so m\u00fcssen wir im produktiven Bereich der Fertigung &#8211; und nicht nur bei der Fertigung von Hardware im engeren Sinne &#8211; das Hauptaugenmerk auf Qualifikationsoffensiven richten. Leider-ist durch die vielfach noch missverstandene Diskussion \u00fcber die Fragen: &#8222;Was ist Produktion?&#8220;, &#8222;Was sind die Produktionsfaktoren?&#8220; und &#8222;Was ist Produktionsrate heute?&#8220; noch nicht entschieden, wo und wie die Intensit\u00e4t bei der Qualifikation einsetzen soll.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Doch genau die Frage m\u00fcssen wir jetzt kl\u00e4ren; denn ein neuer Produktionsfaktor, n\u00e4mlich der Faktor Information, wird eine entscheidende Rolle spielen in der n\u00e4chsten Phase der Wirtschaftsentwicklung. Andere Elemente, wie z. B. der Produktionsfaktor Boden, haben relativ an Bedeutung verloren. Auch die Produktionsfaktoren Arbeit und Kapital sind im Wandel. Kapital ist heute gen\u00fcgend vorhanden, und der Produktionsfaktor Arbeit wird davon abh\u00e4ngen, ob er die notwendige Qualit\u00e4t hat.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wenn wir nicht die Qualifikationsfrage l\u00f6sen, dann m\u00fcssen wir damit rechnen, dass Industrien abwandern. Wollen wir aber die Produktion zur\u00fcckbringen, die wir in den 60iger Jahren ins Ausland, in die Billiglohnl\u00e4nder verlagert haben, dann ist es zwingend notwendig, dass wir mit ganz neuen Technologien und besserem Wissensstand in der Bundesrepublik aufwarten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Also: Der Faktor Information wird von entscheidender Bedeutung sein, und hier spielen die Mikroelektronik und die mit ihr assoziierten Technologien eine entscheidende Rolle. Vor Jahren glaubten wir noch, die wir in der Technik gro\u00df geworden sind, es gebe Grenzen. Doch bis ins Jahr 2000 l\u00e4sst sich kein Stillstand in der Entwicklung der Mikroelektronik absehen. Das Silizium wird auch f\u00fcr die n\u00e4chsten 20 Jahre das Basismaterial bleiben, selbst wenn wir heute schon an neue Materialien wie Galliumarsenid und andere denken m\u00fcssen. Im Silizium haben wir heute das Material gefunden, das f\u00fcr die n\u00e4chsten Jahre von entscheidender Bedeutung sein wird. Die Dimensionen f\u00fcr einzelne Funktionen werden kleiner, die Chipfl\u00e4che wird gr\u00f6\u00dfer werden. Es gibt das Scaling-up-Problem, das wir meiner Meinung nach einigerma\u00dfen gel\u00f6st haben. Wir werden uns daran gew\u00f6hnen m\u00fcssen, mit Megachips umzugehen, und bitte beachten wir einmal, wie viele Informationen ein Megachip speichert und wie schnell man an sie herankommen kann.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Damit stellt sich das Problem der Informationsverarbeitung. Da sehen wir eindeutig eine Verengung, da nur wenige von uns in der Lage oder trainiert worden sind, mit Informationen umzugehen. Wir m\u00fcssen \u00fcberlegen, wie wir zuk\u00fcnftig eine effektivere Informationsverarbeitung f\u00fcr breite Bev\u00f6lkerungsschichten zustande bringen k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wie schnell die Entwicklung l\u00e4uft, zeigt sich auf dem IC-Markt: 1973 kostete ein Megachip &#8211; damals realisiert mit 1 kbit-Chip &#8211; noch so viel wie ein Einfamilienhaus. 1977 kostete die Herstellung eines Megaspeichers so viel wie ein Kleinwagen. 1984 musste man daf\u00fcr nur noch den Preis eines Fahrrads bezahlen. Und heute kann man es zum Preis eines Hemdes bekommen. 80 DM kostet heute so ein Chip.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das ist es, was ich deutlich machen will. Alle Bereiche der Gesellschaft sind von Ver\u00e4nderungen der Technologie beeinflusst, der industrielle Bereich sogar relativ wenig. Denn dort hat und ist man schon an schnellen und sprunghaften Ver\u00e4nderungen gew\u00f6hnt. Die Ver\u00e4nderung kommt gerade in den Bereichen, in denen man sie nicht erwartet. In den Berufen, in denen man heute noch glaubt, nichts \u00fcber Technik wissen zu m\u00fcssen, wo man noch stolz darauf ist, dass man nichts von Technik versteht. Da ist eine Grundhaltung zu sehen, eine halb-humanistische Bildung, die glaubt, dass auch ohne Technik noch ein kulturelles Leben m\u00f6glich ist. Doch es gibt keine Kultur ohne Technik. Die alten \u00c4gypter wussten das, die Griechen &#8211; blo\u00df wir wollen es anders praktizieren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Technik hat heute so vielf\u00e4ltige Erscheinungen, deshalb m\u00fcssen wir uns \u00fcberlegen, welche Auswirkungen sie auf uns in den n\u00e4chsten Jahren haben wird. Was tun wir denn heute wirklich? Wir versuchen, das bisschen Intelligenz, die wir haben, von Punkt A zu Punkt B zu transportieren. Dort laden wir sie ab in irgendeinem Computer, fahren abends wieder heim, mit Autos oder mit Hilfe gro\u00dfer kommunaler Systeme, und das nennen wir Industriegesellschaft.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In welche Richtung geht die Entwicklung? Wenn wir wirklich das ernst nehmen, was mit ISDN heute schon gemeint ist, und das ist nur noch f\u00fcnf bis zehn Jahre weit weg von uns, dann ist abzusehen, dass die Kommunen eine ganz andere kommunale Vertr\u00e4glichkeit ben\u00f6tigen als sie heute noch planen. Sie werden sagen: Das ist lange hin, zehn Jahre. Es ist nicht lange hin. Die Technik steht bereits vor der T\u00fcr. Beobachten Sie mal, was heute schon der Personalcomputer im Bildungssystem f\u00fcr eine Revolution bewirkt hat. Warum gibt es diese Barrieren bei den Lehrern? Doch nicht weil sie dumm sind. Nein, sie haben nie die Erfahrung gemacht, wie man mit solchen Systemen umgeht. Das ist keine Barriere auf sachlicher Ebene, das sind rein psychologische Momente. Und diese Ph\u00e4nomene werden wesentlich st\u00e4rker in unsere Gesellschaft, in unsere Wirtschaft eindringen. Der ganze \u00f6ffentliche Dienst ist davon betroffen. Ich frage mich: Wird die Gewerkschaft \u00d6TV zustimmen, dass man wegkommt von der 35- Stunden-Woche-Diskussion? Ich muss jede Woche Mitarbeiter abmahnen, dass sie nicht l\u00e4nger als 40 Stunden arbeiten. So etwas blockiert, geht man von den vier Phasen aus, mit denen man den Lebenszyklus einer Technik beschreiben kann, dann l\u00e4sst sich f\u00fcr die Mikroelektronik sagen: Sie befindet sich heute in der ersten Phase.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das bedeutet, es muss m\u00f6glich sein, dass die wenigen Leute, die wir haben, ihre Zeit flexibel verwenden, um eine Sache zu entwickeln. Sie m\u00fcssen die individuelle Freiheit haben, wenn sie sich mal eine Woche lang schulen wollen und nicht am Arbeitsplatz sein m\u00fcssen, ihre Zeit frei zu gestalten. Wenn wir nicht zu dieser Flexibilit\u00e4t kommen, dann sage ich voraus, dass wir die Fr\u00fcchte des technologischen Wandels, so wie wir sie nutzen k\u00f6nnten, nicht nutzen werden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wir m\u00fcssen von der Technik heraus \u00fcberlegen, was sinnvoll ist und was nicht. Es gibt viele Berufe, bei denen die 30-Stunde-Woche zu viel ist. Aber es gibt eine ganze Reihe von Berufen und Aufgaben, bei denen 40 oder 48 Stunden normal sind. Was haben wir mit der Diskussion \u00fcber die 35-Stunden-Woche wirklich erreicht? Wir haben den Anteil der Qualifizierung, der im normalen Arbeitsablauf drin war, radikal herausrationalisiert. Und wer ist der Betroffene? Derjenige, der 35 Stunden arbeitet. Dem kann ein Unternehmer gar nicht erlauben, dass er sich in der kurzen Arbeitszeit qualifiziert. Der Kostenfaktor ist einfach die entscheidende Sache. Die Rahmenbedingungen, die interessieren mich als Unternehmer nur zweitrangig. F\u00fcr meine unternehmerischen Entscheidungen z\u00e4hlt einzig und allein: Wie hoch sind die Lohnkosten, die Lohnnebenkosten, welche Investitionen habe ich vor und was habe ich an Kosten auf unternehmerischer Ebene? Erst dann kommt die Frage der Rahmenbedingungen. Und deswegen wird meiner Ansicht nach die Diskussion falsch gef\u00fchrt, wenn wir von Rahmenbedingungen im staatspolitischen Sinne reden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aber jetzt bin ich ins Politisieren gekommen. Beobachten wir wirklich, was in letzter Zeit in der Bundesrepublik Deutschland passiert ist. Wir haben einen immensen Fortschritt in der Nutzung der Anwendung der Mikroelektronik erlebt. Verglichen mit Frankreich und Gro\u00dfbritannien haben wir heute das optimal M\u00f6gliche in der Mikroelektronikanwendung in der Bundesrepublik Deutschland erreicht und das insbesondere bei mittelst\u00e4ndischen Unternehmen. Man kann auch Forschungspolitik so gestalten, damit sie zielgerecht einen nationalen Schub gibt. Ich glaube, da sehen wir nicht schlecht aus. Der deutsche Maschinenbau w\u00e4re nicht in seine heutige Position gekommen, h\u00e4tte er nicht systematisch in den letzten zehn Jahren so intensiv die Mikroelektronik genutzt. Jetzt klopfen sich viele stolz auf die Schulter. Wenn wir aber betrachten, was in der Industrie wirklich l\u00e4uft, dann sehen wir, dass es keinen Grund gibt, sich mit dem Erreichten zufrieden zu geben. Ein Viertel der Unternehmen ist clever genug, nutzt die Technik unwahrscheinlich gut. Zwei Viertel, das sind die Kopierer, die \u00fcberleben gerade noch! Und das letzte Viertel, das sind die Abstauber, die gehen ein.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Betrachten wir das erste Viertel dieser Unternehmen und sehen wir, welche Eigenschaften sie haben, die die St\u00e4rke der Firmen ausmachen, so sind es: Konfliktf\u00e4higkeit, hohe Mobilit\u00e4t, Risikofreude. Ich meine, wir werden nur dann \u00fcberleben, wenn wir Risiko und Eigenverantwortung f\u00f6rdern. Beides geht Hand in Hand. Wir k\u00f6nnen nicht jemandem sagen: Du bist risikofreudig, und ihn dann daf\u00fcr bestrafen, wenn er Fehler macht. Auch gro\u00dfe zentralistische Systeme haben diese Eigenschaft und glauben durch Risikominimierung \u00fcberleben zu k\u00f6nnen. Ich versuche oft, die Rate der Entscheidung, der Risikoentscheidung in einem Unternehmen herauszufinden. Sie werden sehen, wenn die Rate sehr hoch ist und im Steigen begriffen, sind die Unternehmen relativ gesichert, was die Zukunft betrifft. F\u00e4llt die Rate oder ist sie nicht vorhanden, k\u00f6nnen Sie davon ausgehen, dass die Unternehmen relativ gro\u00dfe Schwierigkeiten haben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Welche Forderungen haben wir nun an die Politik? Wenn ich schon mal die Gelegenheit habe, hier zu sprechen, hoffe ich, dass es erlaubt ist einige Forderungen aufzustellen:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Erstens m\u00fcssen wir erkennen, dass sich unsere Wissenschaftsszene im Umbruch befindet, in einem gewaltigen Umbruch. Fr\u00fcher waren der Informationsanteil und der Wissensteil und das Umsetzen der wissenschaftlichen Ergebnisse in einer Hand. Ein Professor konnte das relativ gut handhaben. Der letzte, ein sehr erfolgreicher und f\u00fcr die deutsche Fertigungstechnik von entscheidender Bedeutung, war Professor Opitz. Er war der letzte der Leute die noch den Oberblick \u00fcber die drei Bereiche besa\u00dfen. Dies ist heute nicht mehr m\u00f6glich. Wir haben eine Trennung zwischen Informationsteil und Wissensteil und dem Management dieser Wissenschaft. Die Mehrzahl unserer Wissenschaftsinstitutionen hat das noch nicht begriffen, und wenn unsere Forschungspolitik so weitergeht und sich alles in den Hochschulen konzentriert und das Potential, das nun einfach in der Industrie steckt, nicht genutzt wird, dann werden wir wirtschaftlich die Forschungsergebnisse nicht ad\u00e4quat nutzen k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Was tun wir heute in der Elektronik? Jeder Ministerpr\u00e4sident will sein eigenes mikroelektronisches Zentrum haben. Da flie\u00dfen Millionen Mark hinein. Und woher holen wir die daf\u00fcr qualifizierten Leute? Wir holen sie aus der Industrie! Aber in der Industrie haben wir nicht gen\u00fcgend Potential, um die Technologie zu entwickeln. Die Technologie ist heute so teuer, dass kein Land, kein Bundesland, sogar die Bundesrepublik nicht allen Technologien gen\u00fcgend Mittel zur Verf\u00fcgung stellen kann. Das hei\u00dft: Die Forschungsinfrastruktur wird durch die Industrie bestimmt und nicht durch die Hochschulen. Doch \u00fcber eine nationale Industriepolitik wird wenig nachgedacht. Ein weiteres Hemmnis f\u00fcr eine z\u00fcgige Entwicklung ist meiner Ansicht nach die fehlende &#8222;Transfermobilit\u00e4t&#8220; der Wissenschaftler, die Verbeamtung des gesamten Wissenschaftsbereichs. Wir haben alleine im TZ Berlin 20 offene Stellen f\u00fcr Ingenieure, die nur ein bisschen clever sein m\u00fcssen, egal aus welchem Bereich sie kommen. Wir trainieren sie. Aber die Vielzahl der Leute aus den Forschungsinstituten sind nach BAT bezahlt, und sie haben keine Zeitvertr\u00e4ge. Die Mentalit\u00e4t, von der Wiege bis zur Bahre abgesichert sein zu m\u00fcssen und nichts zu riskieren &#8211; das ist das Problem, das wir heute bei der Personalbeschaffung haben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zweitens: Mich st\u00f6rt, dass wir eine Wirtschaftspolitik betreiben, als w\u00e4re die Technologie uninteressant. Man kann und man muss auch in einer sehr freien Wirtschaft strategisch planen. Allerdings muss man zwischen einer strategischen und einer operativen Planung unterscheiden. Oft habe ich das Gef\u00fchl, wir diskutieren hier von zwei verschiedenen Perspektiven aus, wir diskutieren immer \u00fcber die operative Planung, und das ist nat\u00fcrlich sinnlos. Das kann ein Staat gar nicht, das soll er der Wirtschaft \u00fcberlassen. Aber strategisch gesehen ben\u00f6tigen wir Felder, die wir mit der Wirtschaft, der Wissenschaft definieren und wir m\u00fcssen versuchen, diese in den n\u00e4chsten 20 Jahren zu erreichen. Ich sehe z. B. nicht, dass die Politik der notwendigen Qualifizierung den Stellenwert zuordnet, den sie eigentlich haben m\u00fcsste.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und drittens: Wir ben\u00f6tigen eine neue Flexibilit\u00e4t in der Organisation. Wir m\u00fcssten Organisationen und Institutionen, die nicht mehr effektiv sind, aufl\u00f6sen k\u00f6nnen. Das trifft auch auf Wissenschaftseinrichtungen zu. Es sollte m\u00f6glich sein, diese zu schlie\u00dfen, wenn sie ihr Ziel erreicht haben. Diesen Abl\u00f6sungsprozess von Alt und Neu gilt es politisch in den kommenden Jahren zu gestalten und zu aktivieren.<\/p>\n\n\n\n\n\n<div class=\"wp-block-file\"><a href=\"https:\/\/delphin-consult.de\/friebeismus\/wp-content\/uploads\/sites\/4\/2017\/01\/1986_09_20_kpf-Rede-FDP_Technologie-Schluessel-zur-Zukunft.pdf\">1986_09_20_kpf-Rede-FDP_Technologie-Schl\u00fcssel-zur-Zukunft<\/a><a href=\"https:\/\/delphin-consult.de\/friebeismus\/wp-content\/uploads\/sites\/4\/2017\/01\/1986_09_20_kpf-Rede-FDP_Technologie-Schluessel-zur-Zukunft.pdf\" class=\"wp-block-file__button\" download>Herunterladen<\/a><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Lesen Sie den&nbsp;Vortrag &#8222;Technologie &#8211; Schl\u00fcssel zur Zukunft&#8220; von Klaus P. Friebe, damaliger Leiter des VDI-Technologiezentrums Berlin, vom&nbsp;20. September&nbsp;1986 in Oberhausen. Friebe erkannte bereits in den 80er Jahren, in welchem Ausma\u00df&nbsp;die technologischen&nbsp;Umw\u00e4lzungen sich auf Wirtschaft, Politik und Gesellschaft auswirken. Ein leidenschaftliches und zugleich analytisches&nbsp;Pl\u00e4doyer an die Politik, sich der Herausforderung des technologischen Wandels zu stellen &#8230; <a title=\"Vortrag: Politik ist ohne Technologie nicht m\u00f6glich &#8211; Der Vortrag &#8222;Technologie &#8211; Schl\u00fcssel zur Zukunft&#8220; von Klaus P. Friebe, 1986 in Oberhausen\" class=\"read-more\" href=\"https:\/\/delphin-consult.de\/friebeismus\/vortrag-politik-ist-ohne-technologie-nicht-moeglich-der-vortrag-technologie-schluessel-zur-zukunft-von-klaus-p-friebe-1986-in-oberhausen\/\" aria-label=\"Mehr Informationen \u00fcber Vortrag: Politik ist ohne Technologie nicht m\u00f6glich &#8211; Der Vortrag &#8222;Technologie &#8211; Schl\u00fcssel zur Zukunft&#8220; von Klaus P. 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